Dokumentation zum ehemaligen Pfarrhaus Herrenstrunden

Herrenstrunden 28 in Bergisch Gladbach

Vorgelegt von:
Architekt Dr.-Ing. Norbert Stannek, Mülheimer Str. 110,
51469 Bergisch Gladbach, Tel. 02202 / 22658
und
Bergischer Geschichtsverein Rhein-Berg e.V.,
Eichelstraße 25, 51429 Bergisch Gladbach, Tel. 02204/201684
Februar 2012

Baugeschichte

Nach Auflösung der Malteserkomturei 1806 im Zuge der Säkularisation wurden die Herrenstrundener kath. Pfarrkirche St. Johann Baptist und ihre Gläubigen von Herkenrather Geistlichen betreut. Zur Erlangung der von den Herrenstrundenern angestrebten pfarrlichen Eigenständigkeit waren aus Sicht der Kirchenbehörde für einen eigenen Geistlichen Wohnung und Grundlagen einer Dotierung zu schaffen.

Hierfür bedurfte es der Gründung eines eigenständigen Rektorates, die 1866 erfolgte und für die der Seelsorgebezirk zu Nachbarpfarren abgegrenzt werden mußte, und des Baues eines Pfarrhauses, das 1874 fertiggestellt wurde.

Die Baukosten betrugen 12.000 Mark. Finanziert wurde es u.a. durch Spenden des Herkenrather Pfarrers Abstoß, vielen Stiftern aus der Gemeinde und des Pulverfabrikanten Theodor Eyberg vom benachbarten Gut Schiff. Der Kirchenvorstand in Herkenrath bewilligte zum Bau des Hauses eine Anzahl Eichen aus den Pfarrbüschen. Ein 1.418 m² großes Grundstück wurde von der ortsansässigen Familie Neuheuser gestiftet mit der Bestimmung, darauf das Haus für einen Geistlichen zu bauen.(1)

Am 22. September 1874 visitierte der Definitor Pfarrer Caumanns von Bensberg in Herrenstrunden und fand das Haus bereits vom Rektor bewohnt vor. Mit ihren sieben Zimmern und zwei Mansarden hielt er die Wohnung für "recht anständig, aber doch nicht zu groß und zu kostspielig."(2)

Baubeschreibung

Beim ehemaligen Pfarrhaus handelt sich um einen zweigeschossigen, traufständigen Fachwerkbau mit Satteldach. Die Traufseiten sind symmetrisch aufgebaut und habenfünf Fensterachsen. Bis auf die Rückseite sind alle Fassaden verschiefert. Am Fachwerk der Rückseite ist die Stockwerkbauweise zu erkennen.

Jux führt zum Haus aus: "Es war in Steinfachwerk unter Ziegeldach erbaut, an der westlichen und nördlichen Seite mit Schiefer bekleidet und hatte einen Schuppen in derselben Bauart."(3) Mit "Steinfachwerk" meint Jux vermutlich eine Fachwerkbauweise mit Gefachen aus Ziegelmauerwerk. Bei der Nordseite handelt es sich um die Straßenfassade, so dass mit der westlichen Seite der von der Straße aus gesehen rechte Giebel gemeint ist. Demnach war der linke Giebel, vor dem 1931 das Jugendheimerrichtet wurde, nicht verschiefert.(4)

Die Verschieferung der Vorderseite besteht zwischen den Fenstern aus asymmetrischen, stumpfwinkligen Schieferschablonen in senkrechter Reihung, die Brüstungen sind durch horizontale Schieferreihen gekennzeichnet, teils gegenläufig angeordnet.

An der Brüstung des Obergeschosses ist ein Ornamentband aus runden und dreieckigen Motiven vorhanden. Die Verschieferung ist weitgehend original.

Unter den Traufen ist ein weißes Zahnschnittgesims vorhanden, das über Eck bis auf die Giebelwände geführt ist. Der Keller- bzw. Fundamentsockel ist verputzt und grau gestrichen, durch vertiefte Fugen sind scheitrechte Bögen über Kellerfenstern und eine Steinteilung in der Fläche angedeutet.

Die Fenster der Traufseiten haben einen profilierten Kämpfer mit Oberlicht. Die weitgehendoriginale Verglasung der unteren Flügel wird durch eine Horizontalsprosse unterteilt. Hölzerne Fensterfutter zeigen einfache Profilierungen. Die grünen Schlagläden der Vorder- und Rückseite sind nicht original, sie stammen aus verschiedenen Bauzeiten. Auf der Rückseite fehlen einige Läden.

Die historische zweiflügelige Haustür hat vor den Scheiben gusseiserne Ornamente als Gitter, darunter sind zwei abgeplattete Füllungen vorhanden. Die Tür wird eingefasst von einem profilierten Kämpfer und einem Futter, über dem Kämpfer sind zwei Oberlichtscheiben vorhanden, die, im Gegensatz zur sonstigen Türanlage, vermutlich nicht original sind.

Die zur Haustür führende fünfstufige Freitreppe ist beidseitig flankiert von verputzten Wangen.

Die rückwärtige originale Hoftür ist einflügelig und zeigt in zwei senkrechten Reihen jeweils drei Füllungen übereinander. Über dem Türblatt ist ein profilierter Kämpfer mit einem in der Mitte senkrecht geteilten Oberlicht vorhanden.

Der Bauzeit entsprechend ist die Geschoßhöhe relativ hoch, was sich auch an den hohen Fenstern ablesen lässt.

Die Dacheindeckung ist im Jahr 2010 erneuert worden.

Zur Zeit ist an den Fassaden noch sehr viel historische Bausubstanz vorhanden, die typisch für den Fachwerk-Wohnbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Bergischen Land ist.

Der Haustyp mit Fassade, Dachform, Verschieferung und Mittelflurerschließung steht in der Tradition der bergischen Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts und nimmt deren Farbgebung auf: weiße Fenster, dunkler Schiefer bzw. schwarz-weißes Fachwerk, grüne Klappläden, schwarze oder dunkelgraue Dacheindeckung.

Im Jahr 1939 musste vor dem Einzug eines neuen Pfarrers "das Pfarrhaus einer gründlichen Instandsetzung unterzogen werden." (5)

Wegen der über viele Jahrzehnte bei einem Pfarrer zu vermutenden pfleglichen Behandlung des Hauses dürften noch originale Teile der Innenausstattung zu vermuten sein, wie Türen, Treppen, Böden oder Decken.

Seit etwa 1970 wird das Gebäude nicht mehr vom ortsansässigen Pfarrer bewohnt, für ihn wurde ein Neubau errichtet.

Im Jahr 1931 wurde vor dem linken Giebel das eingeschossige Jugendheim mit Walmdach errichtet, der Bau ist verputzt. Ursprünglich soll die Fassade verschiefert gewesen sein.(6) Der Bau entspricht einer in der Bauzeit üblichen tradierten Bauform und besitzt noch die alte Eingangstür mit fischgrät-ähnlicher Anordnung der Verbretterung.

Bewertung des Gebäudes

Nach Auffassung der Verfasser ist das ehemalige Pfarrhaus denkmalwert.

Es ist bedeutend für das katholische Pfarrwesen in Herrenstrunden und dokumentiert das Engagement von ortsansässigen Gläubigen und Bürgern für die Errichtung einer eigenen Pfarre, zu der das 1866 errichtete Rektorat 1918 erhoben wurde.

Als wertvoll angesehen wird der unmittelbar funktionale Zusammenhang kirchlicher Einrichtungen, bestehend aus Pfarrhaus, Pfarrkirche und Friedhof. Die Kirche bzw. ihre Gründung selbst hat einen baugeschichtlichen Bezug zur für Herrenstrunden wichtigen Malteserkomturei, die vom Johanniterorden im Mittelalter errichtet worden ist.

Die Bauweise des regionalatypischen, verschieferten Fachwerkhauses ist selten im oberen Strundetal.

Das ehemalige Pfarrhaus ist identitätsstiftend für Herrenstrunden.


Fußnoten

1 Jux, Anton: Die Johanniter-Kommende Herrenstrunden nebst Pfarrgeschichte. Heimatschriftenreihe der Stadt Bergisch Gladbach, Bd. 2. Hrsg. vom Kulturamt der Stadt Bergisch Gladbach, Bergisch Gladbach 1956, S. 116 ff.

2 Zitat aus Archiv des Erzbistums Köln, Akten Pfarre Herkenrath, zitiert in Jux, a.a.O., S. 118.

3 Jux, .a.a.O., S. 118

4 Nicht bekannt ist, ob Jux sich bei seiner Beschreibung auf ältere Quellen aus der Bauzeit bezieht oder auf eigene Beobachtung zur Zeit seiner Publikation in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

5 Jux, a.a.O., S. 137.

6 Jux, a.a.O., S. 137.

Das freundliche Lokal
für alle Freunde der Lokalgeschichte