Denkmal des Monats 2012 „Gohrsmühle/Papierfabrik Zanderes“

Vortrag von Prof. Michael Werling am 23.10.2012

Meine Damen und Herren,

wie sie aus der Einladung zu der heutigen Veranstaltung haben entnehmen können, beginnt mit dem Jahre 1868 durch Carl Richard Zanders der Ausbau der Gohrsmühle zu einer Fabrik für Spezialpapiere.

Schon zuvor hatte die Familie Zanders - nämlich 1829 unter Johann Wilhelm Zanders – in der Schnabelsmühle mit der Papierfabrikation begonnen.

Wir wollen heute aber den Fokus auf die Gohrsmühle richten, weil seit einiger Zeit Nutzungsänderungen für das Werk diskutiert werden und in dieser Phase des Umbruchs es sicherlich ein Stück weit hilfreich sein dürfte, sich mit jener Bausubstanz zu beschäftigen, die mit der Ära der Produktion gestrichener Papiere bei Zanders von 1893 bis in die 1930er Jahre hinein ehemals von Bedeutung waren.

M.D. und H.

Sie sehen hier einen Plan, der die städtebauliche Situation um 1850/60 deutlich macht. Ich habe ihn bewusst auf den Kopf gestellt, damit sie den baulichen Bezug zu dem Lageplan von 1878 herstellen können! Sie erkennen die Schnabelsmühle, die mittlerweile ja völlig verschwunden ist und die im Jahre 1868 von den Herren von Gohr angekaufte Gohrsmühle, bei Mühlen gut zu sehen am Strunder Bach gelegen. Die Gohrsmühle bestand damals lediglich aus einer Mühle, einem Wohn- oder Herrenhaus und einem Lagergebäude.

Nach dem Tod von Carl Richard Zanders im Jahre 1870 führte seine Witwe Maria Zanders das Unternehmen erfolgreich weiter, kaufte u.a. nicht nur die Dombach-Mühle hinzu, sondern kümmerte sich auch um den Ausbau der Gohrsmühle. Dies ist auf dem Situationsplan von 1878 deutlich feststellbar, ebenso der noch nicht überbaute Verlauf der Strunde.

Die wenigen überlieferten Bilddokumente aus dieser Zeit zeigen uns eine Zandersche Papierfabrik aus kleinteiligen, satteldachgedeckten Fachwerkbauten. Die vorhandenen Gebäude wurden – wenn notwendig – verlängert, aufgestockt, um- und angebaut und wuchsen zu einem Konglomerat von Schuppen und Nebengebäuden zusammen.

Erst im Jahre 1886, als die Brüder Hans und Richard Zanders als Geschäftsführer in die Firma eintreten, erhält deren Entwicklung eine bis dahin nicht gekannte großzügige und erfolgreiche Tendenz, aus der in einer Phase großer Bautätigkeit seit etwa 1893 die ersten eigentlichen Industriebauten hervorgingen.

Dieser Aspekt läßt sich auf einem anderen Lageplan gut nachvollziehen, der kurz nach 1893 aufgestellt wurde. Sie können auch erkennen, dass der Strunderbach nun im Bereich der Fabrik überbaut wurde.

Wie die Baulichkeiten aussahen, kann hervorragend an dem Gemälde des bedeutenden Linzer Industriemalers und Ingenieurs Jacob Weeser-Krell (1843-1903) nachvollzogen werden.

- Wir erkennen eine in der Regel zweigeschossige Industriearchitektur,
- welche mit einem Satteldach abgedeckt wurde.
- Die Fassaden bestehen aus Feldbrandziegeln.
- Ob sich Schmuckelemente wie zum Beispiel die Segmentbögen über den Fenstern oder die stockwerksdefinierenden Gesimse andersfarbig absetzen, werden wir vielleicht nachher bei unserem Rundgang lokalisieren können.
- Deutlich zu erkennen sind die Lisenen, die den Fassaden zu einer vertikalen Struktur verhelfen. Bei einem der Gebäude ist sogar in Form eines Mittelrisalits ein typisches Gestaltungselement der Architektur des Barocks bzw. der Renaissance eingesetzt, ein Element das auch im 19. Jh. im sog. Historismus eine Rolle spielte, weil man in dieser Zeit der Industrialisierung und der dadurch verursachten Zunahme von Bauaufgaben sich u.a. auch mit der Rückbesinnung vergangener Baustile weiterhalf.

Diese Bebauung gehört quasi zur Urzelle der ehemaligen Papierfabrik Zanders und ist heute noch zumindest in Teilen, wie sich dies aus dem Luftbild erkennen läßt vorhanden. Wer für die Architektur damals verantwortlich zeichnete, konnte zumindest bisher nicht ergründet werden.

Sortiersaalgebäude

Ende 1893 begann – wie Eingangs schon erwähnt - bei der Firma Zanders die Ära der Produktion gestrichener Papiere. Am 1. Juli 1894 fand die Grundsteinlegung für das neue Sortiersaalgebäude statt, in dessen dritter Etage bis etwa 1912 auch die Kunstdruckstreicherei untergebracht war.

Sie sehen auf dieser Abbildung diesen viergeschossigen und über einem rechteckigen Grundriss entwickelten ziegelsichtigen Industriebau, der

- durch Gesimse geschossweise gegliedert ist,
- eine Befensterung mit segment- und Rundbogenabschlüssen besitzt
- und an der Längsseite sogar einen Risaliten besitzt. Dieser aus der Flucht des Hauptbaukörpers hervorspringende Gebäudeteil ist sogar über das Kranzgesims gezogen und wie im Schoßbau mit einer balusterartig gegliederten Attika versehen und mit Vasenaufsätzen geschmückt worden.

Diese von der Renaissance bzw. vom Barock übernommenen Architekturelemente stehen ganz im Gegensatz zu dem auf Konsolen aufliegenden Rundbogenfries, der sich mit den Lisenen verbindet und ganz nach mittelalterlicher bzw. romanischer Manier die Fassade belebt bzw. strukturiert.

Sie sehen, wir befinden uns – Erbauungszeit 1894/95 – ganz im sog. Eklektizistischen Historismus, also in jener Zeit, in der mehr oder weniger wahllos die Ornamente verwendet bzw. vermischt wurden.

Verwaltungsgebäude mit Pförtnerhaus

Den unternehmerischen Repräsentationsbedürfnissen absolut gerecht wurde das „im edlen Barockstil“ ab 1896 geplante und 1904 dann ausgeführte Verwaltungsgebäude einschließlich dem unmittelbar daneben angeordneten Pförtnerhaus für die Firma Zanders. Zentral zum Haupteingang gelegen, ermöglichte es eine gute Übersicht und konnte von allen Besuchern und Arbeitern beim Betreten des Werksgeländes wahrgenommen werden.

Als Planer stand einer der damals führenden Berliner Architekten, nämlich Otto March, zur Verfügung.

Betrachtet man die Situation vom Lageplan oder Luftbild aus, verlässt dieser Verwaltungsbau einschließlich Pförtnerhaus die rechtwinkelige Zuordnung der Fabrikationsbauten und orientiert sich mit seiner Hauptfront zum ehemaligen Kopfbahnhof von Bergisch Gladbach hin. Beide Gebäude waren achsial mit dem ebenfalls 1904 entstandenen Gohrsmühlenweg (der heutigen Poststrasse) verbunden.

Bevor ich ihnen über die ehemalige Nutzung der einzelnen Etagen berichte, ein kurzer Blick auf das Erscheinungsbild des „im edlen Barockstil“ errichtete Bauwerk. Natürlich handelt es sich um den Stil des Neobarock, der in der zweiten Hälfe des 19. Jh. (v.a. um 1880) weit verbreitet war und nicht nur für Opern, Theaterbauten oder Justizpaläste, sondern auch für Verwaltungsbauten gerne herangezogen wurde.

- Der breit angelegte und über einem U-förmigen Grundriss entwickelte neunachsige Bau besteht aus einem hälftig über dem Erdreich liegenden Keller, einen sog. Souterrain, zwei Vollgeschosse und einem großen Mansarddach.
- Aus der Hauptfassade des Gebäudes ragt ein übergiebelter, dreiachsiger Mittelrisalit flach hervor. Der gesamte Bau ist mit gemauerten Mauerblenden bzw. Lisenen äußerst bewegt gegliedert.
- Die Fenster besitzen allesamt ein Gewände aus Sandstein, sind mit einem Segmentbogen abgeschlossen und wie das damals üblich war, nicht nur durch einen Kämpfer zweigeteilt, sondern auch durch Sprossen unterteilt.

Wirkte das Verwaltungsgebäude nach seiner Fertigstellung im Jahre 1904 noch wie ein barockes Stadtpalais, so vereinheitlichte die Efeuverkleidung mit den Jahren bzw. Jahrzehnten die Fassade, indem sie die Gliederungselemente vollständig überwachsen hat.

Wenn wir uns die Nutzung vor Augen führen, so lag im Erdgeschoß, (besser Hochparterre) ein Konferenzsaal, die Büros der Firmeninhaber (Richard Zanders, Hans Zanders, August Lenssen) und weitere Büroflächen einschl. Kasse.

Im 1. Obergeschoss waren weitere Büros, u.a. das technische Büro, ein Mustersaal mit Druckerei und ein Labor installiert, indem neue Papiere entwickelt, aber auch die in der Produktion befindlichen Papiere permanent Qualitätssichernd überprüft wurden.

Im nebenstehenden Pförtnerhaus, vom Duktus her dem Verwaltungsgebäude angepasst und mit einem Walmdach abgeschlossen, befand sich im Erdgeschoß nicht nur der Pförtner, sondern dort standen drei Räume dem Betriebsarzt zur Verfügung. Dort wurde – und das ist wirklich interessant, weil es auch etwas über die Firmenphilosophie aussagt – nicht nur für die Gewährleistung des Arbeitsschutzes Sorge getragen, sondern jeder Kranke hatte jeden Morgen Gelegenheit, den Betriebsarzt dort kostenlos aufzusuchen.

Das hatte etwas mit betrieblicher Sozialfürsorge zu tun,
genauso wie die Badeanstalt, die im Souterrain des Verwaltungsgebäudes untergebracht war, und den Angestellten und Arbeitern unentgeltlich zur Verfügung stand.

Das entsprach absolut den sozialpolitischen Zielen, die damals von Hans und Richard Zanders verfolgt wurden und die sie nicht nur innerhalb des Werkes sondern auch außerhalb des Werkes erfolgreich umsetzten, z.B.

- durch die Stiftung eines Rathauses,
- einer Badeanstalt,
- des Progymnasiums,
- einer öffentlichen Bücherei
- und vieler anderer Wohlfahrtseinrichtungen für Bergisch Gladbach
- oder (ganz wichtig) durch den Bau der Gartensiedlung Gronauer Wald.

Es versteht sich fast von selbst, daß der Architekt Otto March auch die Erschließung des Fabrikgeländes unter seine Fittiche nahm. Ich hatte ja Eingangs schon von jener Achse gesprochen, die das Verwaltungsgebäude und den Kopfbahnhof Berg. Gladbach miteinander verbunden hat. Diese „chaussierte Fahrbahn“, also mit einer Decke versehene Erschließungsstrasse, war ca. 300 m lang und war wie ein grüner Laubengang aus Ahornbäumen realisiert worden, der den Besucher geradewegs zum stattlichen Verwaltungsgebäude bzw. zum Pförtnerhaus führte.

Interessant sind die Leuchten, die großteils wohl noch erhalten den Weg säumen. Der Lichtmast ist als Pfeiler mit einer Sandsteinverkleidung konzipiert, dem quasi als Bekrönung ein Leuchtgehäuse aus Bronze oder Gußeisen aufgesetzt ist.


M. D. u. H.

Noch zwei Sätze zu dem Architekten.

Otto March (1845-1913), war Sohn eines Berliner Tonwarenfabrikanten, studierte Architektur in Berlin und Wien, machte seinen Regierungsbaumeister (also 2. Staatsprüfung), unternahm danach viele Reisen ins Ausland um die zeitgenössische Architektur z.B. in England zu studieren, heiratete die Tochter eines wohlhabenden Kölner Industriellen, was ihm auch zahlreiche Aufträge im Rheinland verschaffte.

Von seinen Bauten seien zwei angeführt, die etwa um die gleiche Zeit wie das Verwaltungsgebäude für die Zanders-Werke entstanden:

- Schloß Torgelow (Mecklenburg-Vorpommern), errichtet 1904 für die Familie v. Behr-Negendanck, im Stile des Neobarock, inmitten eines großen Landschaftsparks integriert. Heute sitzt eines privaten Internatsgymnasiums

- Gemeindehaus St. Georg, Frankfurt/Oder, errichtet 1908/09,

Das Verwaltungsgebäude ist keine laute Architektur, wie sie manche Firmen heute noch lieben und gebrauchen. Alle Fenster der Vorderfront sind ohne jede weitere Betonung und im gleichen Format in den beiden Hauptgeschossen. Das Hauptportal, das man fassadenmittig hätte inszenieren können, liegt eher versteckt an der Seitenfront, wofür v.a. wohl funktionale Gründe eine Rolle gespielt haben mögen.

- In diesem Verwaltungsbau ist keine reklamehafte Gestalt auf gewinnbringende Kunden umgesetzt,
- sondern eher eine Vertrauenswirksamkeit auf die Stadtbewohner und die Werksangehörigen realisiert worden.
- Demgemäß ist das Gebäude in seiner behäbigen Erscheinung keinesfalls fehl am Platze. Otto March besaß eben eine außerordentliche Begabung für diese ihm gestellte Bauaufgabe den entsprechenden baukünstlerischen aber auch sachlichen Ausdruck zu finden.

Kunstdruckfabrik

Aus dem Konglomerat verschiedenster Gebäude, die v.a. in den 1970er Jahren entstanden sind, soll die sog. „Kunstdruckfabrik“ ebenfalls Erwähnung finden., die im Jahre 1910 von dem Berliner Architekten Paul Baumgarten geplant und wohl auch errichtet wurde.

Sie sehen auf dem oberen Foto diese neue Fabrik quasi von der Rückseite, ein ehemaliges Braunkohle-Abbaugebiet, die sog. Trasskaule, die sich mit Grundwasser aufgefüllt hatte, ist der Situation vorgelagert.

Sie erkennen zwei traufseitig miteinander verbundene und jeweils mit einem flachen Satteldach abgeschlossene, zweigeschossige Baukörper. Diese beiden Kuben werden rechtwinkelig dazu von einem turmartigen schlanken Querriegel unterbrochen, der über dem Mansarddach noch eine sog. Aufstockung besitzt, wie dies damals beim Bau von Papierlagerflächen wohl üblich war.

Daran schließt sich eine eingeschossige Produktionshalle an, die Richtung Werksgelände entwickelt wurde und durch das vielfache Hintereinandersetzen ihrer Sheddächer nicht nur gut belichtete Arbeitsplätze bot, sondern auch eine markante Industriearchitektur darstellte.

Leider können wir auf dieser Abbildung nur den Kopf bzw. rückwärtigen „Doppelkopf“ der Anlage gut sehen, aber schon dieses Motiv zeigt, dass man sich damals – also 1910 – nicht für eine historisierende, sondern ganz im Sinne der Reformarchitektur für eine sachliche und schlichte Formensprache entschieden hatte.

- Beachten sie die Korrespondenz der breit angelegten Fensterflächen, welche fast die gesamte Wandfläche für sich einnehmen
- Die mittig gesetzte Erschließungszone, welche ebenfalls die benachbarte Befensterung aufgreift und zuoberst lediglich durch ein liegendes Ovalfenster geschmückt ist
- Das horizontale und großzügig konzipierte Fensterband entlang der Traufseiten
- Und die ohne jegliche Ornamentierung auskommenden flachgeneigten Dachzonen.

Zwei Kuben, die von ihrer Formensprache auch in den 1950er Jahre hätten gebaut sein können.

Heute ist – wie sie schon gesehen haben - diese ehemalige Fabrikerweiterung überformt und läßt sich nur noch in Teilen als einen qualitätvollen Beitrag zur Lösung einer industriegeprägten Architekturaufgabe nachvollziehen.

Der Architekt dieser Fabrikerweiterung war Paul (Otto August) Baumgarten (Sen.). Er realisierte parallel zu diesem Projekt

- auch die Erweiterung des Verwaltungsgebäudes der Fa. Zanders (1909-1911).
- Außerdem war er zusammen mit Oskar Lindemann mit dem Umbau des „Hauses Lerbach“ beschäftigt
- und eigentlich sollte er auch die Villa Zanders umbauen, was aber nicht gelang.

Baumgarten hatte in Hamburg und Berlin Architektur studiert, war kurz beim Berliner Stadtbaurat involviert und machte sich nach einem Jahr im öffentlichen Dienst selbständig. Villen, Landhäuser, Herrenhäuser machten zuerst einen Großteil seiner Aufträge aus. Danach folgten Rathäuser, Schulen und sogar ein Mausoleum für den Fürsten in Bückeburg. Bald zählte er zu den renommierten Architekten Berlins und in der Zeit des Nationalsozialismus zählte er dann neben Albert Speer und einigen wenigen Anderen zu den Lieblingsarchitekten Adolf Hitlers. Dementsprechend hatte er – wie sie sich vielleicht denken können – noch mehr zutun! Er galt z.B. als der Theaterarchitekt des Führers.

- Villa Marlier
Für den Fabrikanten von pharmazeutischen Präparaten Ernst Marlier baute er 1914/1915 eine Villa am Wannsee, die als sein luxuriösester und bekanntester Bau gilt (Am Großen Wannsee 56–58). Die üppige Innenausstattung weist auf das hohe Repräsentationsbedürfnis des gesellschaftlich schnell aufgestiegenen Bauherren hin. Auf seinen Wunsch integrierte Baumgarten auch mehrere Spolien und Kopien von anderen Kunstgegenständen in die Ausstattung. Ob Baumgarten auch den zugehörigen Park gestaltete oder einen Gartenarchitekten hinzuzog, ist unklar. Die Villa Marlier war im "Dritten Reich" dann das Gästehaus der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes und ist bekannt geworden durch die Wannseekonferenz.

- Saarländische Staatstheater (Gautheater Saarpfalz) in Saarbrücken wurde 1937 bis 1938 nach Entwürfen von Paul Baumgarten im neoklassizistischen Stil erbaut. Offiziell wurde es dem Saarland als Dank für das Abstimmungsergebnis im Jahr 1935, mit dem die Saarländer sich für eine Angliederung an das Deutsche Reich entschieden, von der damaligen nationalsozialistischen Regierung "geschenkt", wobei ein Großteil von der Stadt Saarbrücken finanziert werden musste. Das Gebäude sollte nach dem Willen der Machthaber an der Grenze des Deutschen Reiches als „Bollwerk“ gegen Frankreich dienen.

- Schloss Bellevue, 1939 von Baumgarten zum „Gästehaus des Deutschen Reiches“ umgebaut (heute Sitz des Bundespräsidenten)

Lagerhochhaus

Da man mit der Papierproduktion immer erfolgreicher wurde, bedurfte es der Ausweitung der Produktionskapazitäten in Form eines ausreichend großen Lagers.

Diese bauliche Maßnahme läßt sich auf dem unteren Bild gut erschließen.
Die Erweiterung wurde durch einen 80m langen und siebengeschossigen Neubau an das Sortiersaalgebäude im Jahre 1911/12 umgesetzt.

Interessant ist auf diesem Foto wie materialsparend Alt und Neu miteinander verknüpft wurden. Um den Dachraum adäquat ausnutzen zu können , wurde ein Mansarddach aufgeschlagen und die Firstzone zusätzlich noch einmal ein Stück weit angehoben, um die Funktionsflächen, die unter dem Dach angesiedelt waren, ausreichend belüften zu können.

Ob dieser Produktionsbau auch in gestalterischer Hinsicht Akzente setzt, ließ sich anhand dieser Abbildung nicht eruieren, ich nehme aber an, dass wir bei unserem Rundgang auch diesen Bau in Augenschein nehmen können, und vielleicht läßt sich dann vor Ort noch das ein oder andere anspruchsvolle Detail entdecken.

Im Formalen – zumindest was die Abbildungen und Pläne hergeben – sehr reduziert und sachlich, in der Dimensionierung dieser Fabrikerweiterung allerdings spektakulär.

Da die unmittelbar angrenzenden und auch mit dem Lagerhochhaus durch zwei Brücken verbundene Kunstdruckpapierfabrik von Paul Baumgarten errichtet wurde, könnte er auch bei diesem Bauwerk der verantwortliche Architekt gewesen sein.

Tatsächlich – und dies wird aus den Plänen ersichtlich – war der in Dortmund ansässige Spezialbauunternehmer Franz Schlüter dafür zuständig, dieses Gebäude zu realisieren.

- Ich möchte ihnen wenigstens zwei Gebäude aus Dortmund zeigen, die von unterschiedlichen Architekten geplant von ihm ausgeführt wurden. Einmal handelt es sich um einen prächtigen Sudhausneubau für die Dortmunder Hansa-Brauerei. (Arch. Schmidtmann u. Klemp)

- Und das im Jahre 1929 von dem Arch. Emil Pohle geplante Reinoldi-Haus, ein Geschäftshaus der Firma Gebr. Schürmann, die hauptsächlich mit Werkstätten für Wohnkunst in Köln, Essen und Dortmund ihr Geld verdienten. Dieser Bau besteht aus einem Stahlbetonskelett, welches die Firma Schlüter in nur 56 Arbeitstagen erstellt hatte. Sie erkennen horizontale Fensterbänder (wie man sie heute auch wieder gerne einsetzt) die den Bau akzentuieren. Im Detail lassen sich noch einige expressionistische Tendenzen lokalisieren. Fassadenmaterial Muschelkalk/Travertin.


M.D. und H.

Dass die Geschäftsleitung der Firma Zanders längst bemüht war, immer die besten Architekten oder Bauunternehmer für die Errichtung neuer Werksgebäude zu bekommen, ist – so denke ich – mittlerweile deutlich geworden.

Kraftwerk

Sie sehen hier einen Ziegelbau, der mit soviel Verfahrenstechnik umgürtet ist, dass die Kubatur kaum noch erfahrbar wird.

Es handelt sich um das Kraftwerk der Firma Zanders. Vor gut 70 Jahren, als der Architekt Dominikus Böhm den Auftrag erhielt, dieses Gebäude zu errichten, sah dass natürlich noch anders aus.

Im Jahre 1929 wurde das 100 jährige Bestehen der Firma Zanders gefeiert. Im gleichen Jahr trat Johann Wilhelm Zanders in die Firmenleitung ein. Und schon ein Jahr später (1930) wurde mit dem Kraftwerksneubau eine notwendige Voraussetzung nicht nur für den Fortbestand sondern auch für die Weiterentwicklung des Werkes Sorge getragen.

Die architektonische Gestaltung dieses Kraftwerkes ist – wie sie vielleicht an dem linken oberen Bild nachvollziehen können – von einer technischen Sachlichkeit und Nüchternheit geprägt. Diese Wirkung wird durch die Materialwahl der rotbraunen Ziegel verstärkt.

Dieser Bau vertritt die Architekturrichtung der sog. „Neuen Sachlichkeit“, die sich in den 1920er Jahren als eine auch für die Industriearchitektur angemessene Formensprache entwickelt hatte.

Die beiden rechten Abbildungen zeigen Vergleichsbeispiele mit ähnlichen Funktions- und Architekturansprüchen.

- Benzolbrennerei der Kokerei Alma Pluto, Gelsenkirchen
- Erbaut im Jahre 1926/27 von den Architekten Schupp und Kremmer , Berlin-Essen
- Kesselhaus der Deutschen Dunlop Werke , Hannover
Erbaut von dem Arch. Aßmann, Frankfurt



Den Hauptakzent setzt ein streng vertikal gegliederter Riegel, dessen Giebelscheiben etwas höher gezogen, diese Scheibenwirkung nochmals betonen.

- Die Art der Wandöffnungen variiert funktionsbedingt, nämlich:
- als senkrechte Kette aus einzelnen kleinen quadratischen Öffnungen
- mal als bandartige Stücke
- oder als zusammengefasste rasterförmige Glasflächen, die der Außenwand bündig eingeschrieben sind.

Die geschlossene Wirkung ist v.a. das Abbild der Funktion des Kesselhauses, das eine starke Ummantelung der innen ablaufenden Vorgänge, nämlich der Energiefreiwerdung und Umnutzung benötigt.

Diesem Kubus sind rechtwinkelig dazu zwei gegeneinander abgestufte lang gestreckte Baukörper vorgelagert, die ebenfalls durch ihre Befensterung stellenweise lebendig rhythmisiert werden.

Sie erkennen des Weiteren zwei mächtige Schornsteine, die mit Sicherheit auch heute noch als Wahrzeichen für nicht nur für die Zanders Werke sondern für die Industrialisierung von ganz Bergisch Gladbach wahrgenommen werden.

Rechts unten bietet sich ein Blick in das Hauptschiff des Kraftwerkes, nämlich der Turbinenhalle.

Die gesamte Kraftwerksanlage ist plastisch durchgebildet, hat weder eine Schau- noch eine Rückseite. Die Formen sind geometrisch streng und knapp formuliert, das Ineinandergreifen und Korrespondieren der einzelnen Kuben sind letztlich verarbeitete Prinzipien der Bauhaus bzw. der niederländischen De Stijl-Architektur.
Dominikus Böhm baute also ganz im Stile oder in der Formensprache seiner Zeit!


M.D. u. H.

Noch zwei Sätze zu dem Architekten Dominikus Böhm (1880-1955), der dieses Kraftwerk errichtet hat und dessen eigentliches Lebenswerk nicht der Industriebau sondern der Kirchenbau gewesen war. Unter sechs anderen Architekten wurde er von der Siemens-Bauunion GmbH als Architekt empfohlen, das Kraftwerk für die Firma Zanders zu entwerfen bzw. zu realisieren.

- Architekturstudium an der Baugewerkschule Augsburg,
- danach Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros
- dann Dozent an den Baugewerkschulen Bingen und Offenbach
- Dann (ab 1910) eigenes Büro, seit 1921 das „Atelier für Kirchenbaukunst“ in Offenbach
- 1926 Prof. für Kirchenbaukunst an den Kölner Werkschulen
- von den Nazis im Arbeiten behindert
- nach 1945 u.a. mit dem Wiederaufbau unzähliger Sakralbauten beschäftigt.


Ich wollte ihnen, obwohl wir es hier und heute mit Industriebau zutun haben, den Kirchenbau von Dominikus Böhm nicht vorenthalten und zumindest drei Sakralbauten zeigen, die im Zeitfenster 1930/31, also etwa parallel zum Zanders-Kraftwerk errichtet wurden.

- Asthmakrankenhaus, Kloster und Kirche St. Kamillus, Mönchengladbach (1928-1931)
o Kolossale aus dunkelgebrannten Ziegeln erbaute Eingangsfassade, vorgelagerte Freitreppe (wie beim Kraftwerk ursprünglich auch),
o Rundbogenfenster und eine fassadenhohe Bogennische sind in der ansonsten zurückhaltenden Gliederung des weitgehend geschlossenen Mauerwerks ein wesentliches Element der Vertikalisierung der Architektur
o Innerhalb des Mauerwerks Rollschichten, Halbkreisbögen, Ähren, Schallarkaden und vor die Fassadenflucht vorstehende Binderköpfe, welche das Mauerwerk im Detail variieren (vermutlich beim Kraftwerk nicht oder in einer anderen Art zu lokalisieren)

- Pfarrkirche St. Josef, Zabrze/Polen (früher Hindenburg (Oberschlesien)
o Wenn sie sich die Arkadenwand, welche den offenen Vorhof vom profanen Straßenraum abtrennt mal wegdenken, dann könnte dieses Bauwerk auch ein Kraftwerk sein, mit seinen hoch aufragenden Ziegelkuben, die außer den rundbogig abgeschlossenen Fensterschlitzen keine gliedernden Elemente zulassen

- Krankenhaus-Kirche St. Elisabeth, Köln-Hohenlind (1928-1932)
o Und das Spiel mit den Wandscheiben ist bei St. Elisabeth ja in einer besonderen Art und auch immer noch modern wirkenden Art entwickelt.
o Natürlich greift hier der Umgang mit der sakralen Aufgabenstellung, wenn es heißt, einen Zugang, ein Glockenspiel aber auch Licht in den Bereich der Apsis zu lenken. Dies war – um wieder auf unser Kraftwerk zurückzukommen – in dieser theatralischen Ausdrucksweise nicht erforderlich.


Dominikus Böhm war ein Baumeister, der – knapp formuliert
- als ein - schöpferischer,
- ernstvoller,
- humorvollvoller
- und mit einer kindlichen Freude an kleinen lieben Dingen charakterisiert werden kann.
- Ein Baumeister mit einer Leidenschaft zur Wahrheit und Echtheit, die er oft nur mit Mut und einem starken Durchsetzungsvermögen auch gegenüber seinen Bauherren verwirklichen konnte. Ob es ihm bei der Durchsetzung seiner Kraftwerkpläne bei der Firma Zanders ähnlich ergangen ist, wissen wir nicht.



Das Dominikus Böhm auch des Zeichnens mächtig war, möchte ich ihnen an diesen Abbildunhgen noch kurz vor Augen führen. Sie sehen das Zandersche Kraftwerk, für das er skizzenhaft zwei Erweiterungsüberlegungen aufs Skizzenpapier gebracht hat.
Genauso, wie sich die Architektur in jener Zeit verändert hat, wurde auich auf dem Zeichenpapier nicht mehr peinlich genau gezeichnet und laviert sondern es wurden freihändig lockere und individuell ausdrucksstarke Skizzen und Perspektive geschaffen.

Dominikus Böhms Skizzen waren zunächst in der Regel stark geschwärzte Kohlezeichnungen, - wie an St. Josef sichtbar – bei den Sakralbauten auch gerne noch mit einem entsprechenden eindrucksstarken Lichtkegel verbunden. Also Zeichnungen, die ganz von ihrem Schwarz/Weiß Kontrast lebten.

Allerdings nimmt die Schwärze und damit auch die düstere Dramatik bei Böhms Zeichnungen seit den 1930er Jahren sukzessive ab, wie sie an den skizzenhaften Überlegungen zur Zanderschen Kraftwerkserweiterung aus dem Jahre 1941/42 sehr schön nachvollziehen können.

Interessant ist die Art der Erweiterung in Form eines abgesetzten eigenständigen Baukörpers, der im Grunde das Thema der hochgezogenen Wandscheiben zumindest giebelseitig wieder thematisiert. Die untere Idee, unmittelbar an das Kraftwerk anzuschließen ist zumindest aus formaler Sicht eher etwas gewöhnungsbedürftig angeschlossen.


M. D. u. H.

Es wäre sicherlich in diesem Vortrag auch erwähnenswert gewesen, auf die außerhalb der Zanders-Werke errichteten Industriebauten einzugehen,

- Wasserturm (1905
- Pumpenstation (1909)

Aber ich möchte ihre Aufmerksamkeit nicht weiter strapazieren!

Als Fazit meiner Ausführungen möchte ich v.a. der Geschäftsleitung dieser Papierfabrik ans Herz legen, sich in der Phase des geplanten Umbruchs auch mit dieser ehemals bedeutsamen Bausubstanz zu beschäftigen, die mit der Ära der Produktion von Spezialpapieren bei Zanders von 1886 bis in die 1930er Jahre hinein von Bedeutung war.

- Es muss ein Anliegen sein, sich nicht nur mit den Werten dieser Gebäude auseinanderzusetzen,
- sondern dieses bauliche Erbe muss auch als Zeugnis der Bergisch Gladbacher Stadt- und Industriegeschichte erhalten und einer geeigneten Um- bzw. Neunutzung zugeführt werden können.


Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit

Das freundliche Lokal
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