Denkmal des Monats Oktober 2011

Das Neue Herwegshaus am Burggraben in Bergisch Gladbach-Bensberg

Von Thomas Klostermann

Zwischen kurfürstlichem Barockschloss und mittelalterlicher Burg liegt der alte Marktplatz von Bensberg. Leicht erhöht bietet sich von hier ein beeindruckender Blick auf den fünfeckigen Burg-Bergfried, auf das markante Rathaus von Gottfried Böhm und die verwinkelten Fachwerkhäuser des „Malerwinkels“. Im Vordergrund fällt der Blick auf eines der schönsten historischen Wohnhäuser von Bensberg. Es ist das stattliche Bruchsteinhaus Burggraben 1, in repräsentativer Lage im Herzen des Ortes gelegen. Es prägt die Ostseite des Marktplatzes und bildet gleichzeitig das Entree zum Malerwinkel und zu den historischen Häusern am unteren Burggraben. Die Westseite des Marktplatzes hat im Rahmen der Stadtsanierung in den 1970/80er Jahre ihre historische Bebauung und damit ihre Platzkante verloren; hier entstanden Parkdecks und eine Kaufhaus-Warenanlieferung.

Geschichte

Der Kölnische Bürgermeister Eberhard Joseph Melchior von Herwegh ließ 1767 das bruchsteinerne Wohnhaus am Marktplatz erbauen. Die solidere, steinerne Bauweise stand im Gegensatz zu der sonst im Bergischen im 18. Jahrhundert üblichen Fachwerkbauweise und unterstreicht den gehobenen Stand des Bauherrn, denn alle Bausteine mussten aufwändig mit Fuhrwerken aus den Lindlarer Grauwacke-Steinbrüchen herangeschafft werden. Die Familie Herweg hatte weiteren Besitz in Bensberg und Umgebung, so das Goethehaus am Marktplatz – 1779 als „Altes Herwegshaus“ in der Herrenpachtliste der Freiheit Bensberg erwähnt - die Höfe Mittelmoitzfeld (Unter den Linden) und Obermoitzfeld sowie Branderhof, Birkerhof u.a.
Während der Koalitionskriege von 1792 bis 1815 unterhielten Österreicher und später Franzosen ein Lazarett im Neuen Schloss. Darin ausbrechende Seuchen wie Typhus griffen auch auf die Zivilbevölkerung über. So wird das neue Herwegshaus 1808 als unbewohnbares Krankenhaus in der Häuserliste aufgeführt. Seit ca. 1840 wohnte in dem Haus die Familie Bertus, eine Nachfahrin, Frau Anneliese Bertus ist erst 2003 im hohen Alter aus dem Haus ausgezogen. Um 1900 befand sich die Kolonialwarenhandlung von Friedrich Albrecht linker Hand im Erdgeschoss. In den 1970er Jahren hatte der Paritätische Wohlfahrtsverbande DPWV hier seine Geschäftsstelle.

Der Architekt Bernd Rotterdam erwarb 1980 das Haus. Er ließ auf vorbildliche Weise umfangreiche Sanierungsarbeiten nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten an Wohnhaus und seitlichem Hoftor durchführen. Seit 1984 sind Wohnhaus und Hoftor ein offiziell eingetragenes Baudenkmal.

Die heutigen Eigentümer benutzen das Gebäude als Wohnhaus, in den beiden alten Gewölbekellern befinden sich Versammlungsräume der Freimaurer.

Gebäudebeschreibung

Bei dem Neuen Herwegshaus handelt es sich um einen zweigeschossigen, fünfachsigen Bruchsteinbau mit Krüppelwalmdach. Das Mauerwerk ist steinsichtig, es handelt sich um Lindlarer Grauwacke, die sich hier auszeichnet durch eine ungleichmäßige und lebhafte Farbgebung. An den Gebäudeecken sind im Verband vermauerte Quader vorhanden. Die Verfugung besteht aus hellem Kalkmörtel. Die Fenster sind eingefasst von Gewänden aus Sandstein, von denen ein Teil bei der Grundinstandsetzung in den 80er Jahren erneuert wurde.

Repräsentativ wirkt der Bau durch die Anzahl der Fensterachsen mit großen Fenstern, den symmetrischen Fassadenaufbau, die relativ großen Geschoßhöhen und das hohe Dach, was durch die Lage am Marktplatz und die Ausrichtung nach Köln hin noch unterstrichen wird. Zum Erscheinungsbild tragen auch die kleinen Walmgaupen und vor allem die Sprossenfenster bei, von denen im Erdgeschoß noch einige ältere Exemplare vorhanden sind, die sich besonders durch ihre schmalen Profile und größeren Scheibenformate von den jüngeren Fenstern abheben. Komplettiert wird die Fassade durch die Klappläden mit Jalousiebrettchen, die im Sommer ein angenehmes Licht hereinlassen. Die Läden sind zwar nicht original, aber als wichtige Architekturstücke erfreulicherweise erneuert worden.

Die Eingangstür wird eingefasst von einem so genannten Türgestell aus Sandstein mit verglastem Oberlicht. Die Tür hat zwar barocke Anklänge, es dürfte sich jedoch um einen vereinfachten Nachbau handeln. Gleichsam bekrönt wird die Tür von der verglasten Auslegerleuchte.
Der Grundriß des Hauses entspricht dem im 18. Jahrhundert im gehobenen Bürgerhaus üblichen Typus. In der Mitte befindet sich ein durchgehender Flur mit Treppe, von dem alle Räume zu erreichen sind. Diese Anordnung ist zurückzuführen auf französischen Einfluss seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Die Treppe befindet sich am Ende des Flures. Es handelt sich um eine zweiarmige Treppe mit einem sogenannten Wendepodest, von dem aus man heute zum Hinterausgang gelangt. Hinter einem eckigen Treppenpfosten befinden sich Balusterbretter, deren Kontur denen von vollplastischen barocken Balustern entspricht, jedoch in einer Art Sparversion, eben als Brett. Immerhin war es dem Bauherrn wichtig, auch auf der Wandseite ein gleichartiges Geländer anzubringen, das mehrere Vorzüge hat: es dient dem Schutz der Wandoberfläche, es bietet einem Benutzer mit dem zweiten Handlauf beidseitigen Halt und es steigert die architektonische Wirkung. Die jetzige Farbgebung der Treppe dürfte nicht original sein.

Seitlich unterhalb des Wohnhauses befand sich bis 2000 eine Fachwerkscheune, mit dem Wohnhaus verbunden durch ein altes Hoftor mit ziegelgedecktem Satteldach, im hölzernen Rundbogen die Datierung ANNO 1761 DOMINI. Dieses alte Hoftor war wie ein kleines Wahrzeichen Bensbergs, ein gesuchtes Objekt für Fotografen, Künstler und Maler, ein Postkartenmotiv, eines der kleinen aber wichtigen Wiedererkennungsmerkmale mit hohem Identifikationswert.

Im August 2000 erfolgte der Abbruch der Fachwerkscheune wegen Baufälligkeit. Die Bruchsteine des Straßengiebels wurden gelagert, um sie zur Verblendung eines neuen Giebels wieder zu verwenden.
Mit dem Abbruch der Scheune fiel auch das sanierte, denkmalgeschützte Hoftor. Es durfte abgebaut werden mit der Maßgabe, es zu lagern und für einen späteren Wiederaufbau bereit zu halten. Auch die Dachpfannen des Tordaches und die Holznägel wurden aufgehoben. Damals beanstandeten Kritiker die Lagerung der Torbalken unter einer Plastikplane.

Heutige Problematik und städtebauliche Situation

Durch langanhaltende Bewitterung der Fassaden zeigt das Mauerwerk an einigen Stellen starken Substanzverlust. Ursprünglich eckige Steinkanten sind gerundet, Oberflächen sind abschiefernd oder absandend. Vereinzelt sind locker wirkende Steine oder Risse vorhanden. Auf Witterungseinflüsse ist auch die zurückliegende Verfugung zurückzuführen. Der Fassadenbewuchs hat durch Dickenwachstum Schäden in den Mauerfugen verursacht. Dies sind Befunde, die eine Instandsetzung der Fassaden und ihrer Einzelteile empfehlen. Die Fensterrahmen im Erdgeschoss sowie die Klappläden bedürfen der Pflege, teilweise auch der Ergänzung. Die rechte Gebäudeecke weist eine durchgängige Setzungsfuge auf und muss bis in eine entsprechende Tiefe neu unterfangen werden.

Das Neue Herwegshaus ist prägend für den Marktplatz und sollte es aus städtebaulichen Gründen auch bleiben. Wenn man an eine ergänzende Bebauung in der Nachbarschaft oder gar an einen Ersatz von Nachbarhäusern denken sollte, wäre eine städtebauliche Rahmenplanung wünschenswert, an der sich zukünftige Bauvorhaben orientieren müssten in Bezug auf Bauform, Höhe und Grundstücks-ausnutzung, um im Vergleich mit dem Malerwinkel bestehen zu können. Hinter dem Herwegshaus sind vor Jahrzehnten Gebäude entstanden, die diese Rücksichtnahme leider vermissen lassen. Eine Stadt lebt nicht nur von verdichteten Geschäftszentren an sich, sondern auch von der Qualität gebauter Umgebung. Es wäre schön, wenn sich die Bauleitplanung dieser Aufgabenstellung annehmen könnte.

Bilder von der Vorstellung des Denkmals des Monats 2011

Fotos von Thomas Klostermann

 Die Teilnehmer der Veranstaltung sammeln sich vor Haus Burggraben 1   Stephan von Wahl (Mitte) Arbeitskreisleiter im RVDL begrüßt die Teilnehmer   Imposanter Gewölbekeller, heute Gebetraum der Freimaurer 

 Farbige Zimmertüre   Zweiarmige Treppe im Erdgeschoss 

Das freundliche Lokal
für alle Freunde der Lokalgeschichte