Denkmal des Monats 2010

Der Gedenkstein am Fronhof in Herkenrath

Von Ursula Wenzel

Entgegen der Bezeichnung in der Einladung zum heutigen Aktionstag handelt es sich eigentlich gar nicht um ein Wegekreuz, denn ein Kreuz oder ein Corpus des Gekreuzigten ist nicht erkennbar. Wenn auch sonstige Merkmale für ein Wegekreuz, insbesondere der Aufbau mit Sockel, Inschrift-, Nischen- und Abdeckstein, sichtbar sind, sprechen wir von nun an von einem Gedenkstein.

Die Geschichte des Gedenksteins ist unmittelbar verbunden mit dem uralten Herkenrather Fronhof, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. Darüber hinaus muss hier zweier Herkenrather Persönlichkeiten gedacht werden, deren Wirken für Herkenrath im 19. Jahrhundert von großer Bedeutung war. Im Jahre 1870 schenkte nämlich Pfarrer Peter Wilhelm Abstoß seinem verdienstvollen Mitarbeiter Heinrich Molitor den Fronhof mit allem Grund und Boden. Um diese drei Namen rankt sich die Geschichte des Gedenksteins.

In dem Wort „Fronhof“ steckt die alte Bezeichnung „Fron“ für den Herrn, wie sie sich auch in Frondienst und Fronleichnam findet. Fronhöfe entstanden im Mittelalter. Nur Adelige hatten Grundbesitz, den sie als Lehen erhalten hatten. So auch hier in Herkenrath. Der Grundherr – in unseren Fall der Enkel des Grafen Reginhar I., Otto von Verdun, Herzog von Lothringen – ließ den Fronhof im 10. Jahrhundert errichten, aber nicht unbedingt, um selber darin zu wohnen, sondern um einen Stützpunkt für die Rodung und Urbarmachung des umliegenden Landes zu haben.
Die Rodungsarbeiten standen unter der Aufsicht eines Ministerialen, eines Vorarbeiters, und wurden von einer Vielzahl von Leuten durchgeführt, die zum Frondienst verpflichtet waren. Nach der damals geltenden Ordnung musste der Grundherr für die Bedürfnisse der von ihm abhängigen Leute sorgen. Das waren nicht nur die materiellen Bedürfnisse, sondern auch die geistlichen. So entstand bald neben dem Fronhof die erste Kirche, ein einfacher Saalbau aus Holz. Der Landesherr gab seinen Dienstleuten Land zur Rodung und Bewirtschaftung, so dass weitere Höfe entstanden, die aber vom Fronhof abhängig blieben.

Die Nachkommen des Otto von Verdun erwarben weiteren Grundbesitz. Einer von ihnen ist Dietrich von Dorndorf, dem wir die älteste schriftliche Erwähnung Herkenraths verdanken. Er schenkte um das Jahr 1224 die Kirche in Herkenrath dem Johanniterorden in Herrenstrunden, er selbst behielt den Fronhof. So wurden Kirche und Fronhof getrennt.
Der Fronhof wechselte mehrmals den Besitzer. Aber immer blieb er Sitz des Lehns- oder Hofgerichts. Meist wurde der Hof nicht vom Grundherrn selbst bewohnt, sondern an einen „Halfen“ verpachtet, der ihn bewirtschaftete.

Die skizzierte Ordnung galt im Großen und Ganzen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. 1805 fand das Lehnswesen ein Ende, als das bergische Land französisch wurde. Nun konnte Grundbesitz frei verkauft und gekauft werden. Für den Fronhof bedeutete das, dass sich der Grundbesitz durch Teilung und den Verkauf von Flächen zunehmend verringerte.

Im 19. Jahrhundert ist Pfarrer Peter Wilhelm Abstoß eine bedeutsame Persönlichkeit gewesen. Er kam im Jahr 1811 nach Herkenrath und übernahm 1816 die Pfarrstelle. Nach den napoleonischen Kriegen, die das Bergische Land stark in Mitleidenschaft gezogen hatten, erwies er sich als ein Mann von großer Tatkraft. Er ließ die Kirche wieder instand setzen, ordnete das Rechnungswesen der Pfarre, ließ eine Orgel in die Kirche einbauen und hat auch sonst das Leben der Pfarrgemeinde auf vielfältige Weise gefördert. Er starb 1874. Die meisten Wegekreuze innerhalb des Ortes Herkenrath sind zu seiner Zeit errichtet worden. Eines der ersten, von 1835, geht auf ihn selbst zurück (Straßen 80).
Pfarrer Peter Wilhelm Abstoß erwarb 1863 das Gebäude des Fronhofs – die umliegenden Ländereien waren bereits verkauft - und reservierte es für seine Nichte Maria Josepha Abstoß, welche in der Kirche die Orgel spielte. Nach deren Tod schenkte er 1870 den Fronhof seinem verdienstvollen Mitarbeiter Heinrich Molitor, Gutsbesitzer aus der Asselborn. Von diesem Heinrich Molitor, der von 1836 bis 1912 lebte, heißt es auf dem Totenzettel: „Es gibt wohl kaum ein Ehrenamt, welches er nicht innegehabt hätte.“ Er engagierte sich nicht nur im kirchlichen Bereich, sondern er gehörte auch für 30 Jahre der Gemeindevertretung Bensberg an (1878-1903).

Heinrich Molitor ließ 1886 diesen Gedenkstein errichten. Er ist also erst nach dem Tode des Pfarrers Abstoß entstanden. Einen konkreten Anlass können wir nicht nennen. Wir wissen aber, dass von den elf Kindern des Ehepaars Molitor nur ein Sohn die Eltern überlebt hat. Der Gedanke an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens war also allgegenwärtig. Dazu passt auch die Inschrift, die vor rund 35 Jahren noch zu erkennen war:
Lebe so, wie du in deiner Todesstunde wünschst gelebt zu haben.

Damit reiht sich dieser Gedenkstein als ein spätes Beispiel in die Reihe der Herkenrather Wegekreuze ein, die ebenfalls ein Memento Mori, eine Erinnerung an das Sterben-müssen, darstellen.

In den vergangenen Jahren hat der Gedenkstein aus Lindlarer Grauwacke zunehmend gesteinstypische Schäden entwickelt. So weisen die Steinoberflächen biogenen Bewuchs auf, teilweise haben sich starke oberflächenparallele Schalen und Risse gebildet, die Fugen sind ausgewittert und die Statik ist nicht mehr gewährleistet. Sicherungs- und Pflegemaßnahmen sind also notwendig, damit dieses kleine, aber ausdrucksstarke Zeugnis Herkenrather Geschichte erhalten bleiben kann.

Bilder von der Vorstellung des Denkmal des Monats 2010

Fotos von Thomas Klostermann

        

Sanierungsarbeiten

Das kleine Kulturdenkmal strahlt wieder etwas von seinem Glanz und seiner Aussagekraft aus.