Denkmal des Monats Oktober 2008

Die Gartensiedlung Gronauerwald in Bergisch Gladbach

ein Bilderbuch der Bau-, Sozial- und Stadtgeschichte

Seit gut einem Jahrhundert liegt die Gartensiedlung Gronauerwald mit ihren schmucken Häusern und alten Bäumen mitten in Gladbach, rechts und links der Richard-Zanders-Straße und ist doch vielen Bürgern kaum bekannt. Dabei handelt es sich um eine auch überregional bedeutsame Siedlung der Reformbewegung im Wohnungsbau um 1900.

Die Initiatoren und ihre Motivation

Die Anfänge der Siedlung gehen auf weitreichende Reformideale des Papierfabrikantenpaares Anna und Richard Zanders zurück. Sie initiierten 1897 ein anspruchsvolles, geradezu visionäres Reformprojekt, das sich zu einem bedeutenden Vorläufer der deutschen Gartenstadtbewegung entwickelte. Auf dem 30 ha großen unbesiedelten Waldgelände sollte ein geschlossenes Siedlungsgebiet entstehen, das durch sein Beispiel die Bauweise und Wohnformen in den übrigen Stadtgebieten günstig beeinflussen sollte. Dahinter stand die Absicht, sowohl den Einzug des sonst üblichen gründerzeitlichen Massenmiethauses in Bergisch Gladbach zu verhindern, als auch zu demonstrieren, dass kostengünstiges und ästhetisch ansprechendes Bauen auch für einfache Arbeiter realisierbar war. Der Arbeiter sollte infolge günstiger Konditionen Eigentum erwerben können und durch das eigene Haus auch stärker an das Unternehmen gebunden werden. Gleichzeitig gelang es, durch die Ansiedlung auch wohlhabender Schichten eine soziale Durchmischung zu erreichen und die soziale Abgrenzung typisch großstädtischer Arbeitersiedlungen zu vermeiden. Die Bodenspekulation sollte durch Regeln beim Kauf und Verkauf unterbunden werden.

Reformbewegung und Konzeption

Der Gartenarchitekt und Königliche Gartenbaudirektor Albert Brodersen aus Berlin, der bereits den Park von Haus Lerbach und die städtebauliche Konzeption für die Villensiedlung am Mühlenberg entworfen hatte, erhielt den Auftrag für die Ausarbeitung eines einheitlichen Bebauungsplanes sowie der Grünanlagen und der Hausgärten. Der Bebauungsplan orientierte sich eindrucksvoll an landschaftlichen Gegebenheiten wie dem Lerbach und der Vegetation mit dem Ziel, innerhalb der Siedlung das landschaftliche Gesamtbild zu wahren. Einzelne Waldpartien und Wiesenabschnitte schloss man von einer Bebauung aus, um den Bewohnern einen angenehmen Aufenthalt im Freien zu ermöglichen. Viele im Gelände vorhandene Bäume wurden geschont und in die Planung integriert.
Statt der sonst üblichen schablonenartigen Anordnung der Gebäude sah Brodersen auch staffeiförmige Baufluchtlinien vor, die den Vorteil hatten, dass selbst bei schmalen Grundstücken das Haus nach allen Seiten eine freie Lage hatte. Die Ausrichtung der Gebäude in eine gewünschte Himmelsrichtung konnte so berücksichtigt und ein ansprechenderes Straßenbild erzielt werden.
Die Erschließungsstraßen der Siedlung teilte Brodersen in unterschiedliche Kategorien ein. So gab es, in der Breite abgestuft, einen Hauptweg (heute Richard-Zanders-Str.), Versorgungs straßen und Wohnstraßen bis hin zu reinen Fußwegen. Auf die Einrichtung von Bürgersteigen wurde verzichtet. Immergrüne Ligusterhecken wurden zu einem lebendigen und siedlungs-prägenden Abgrenzungselement zwischen Straße und Garten.
Die Hausgärten waren bei Bezug bereits fertig. Der Ziergartenanteil war wegen des Pflegeaufwandes bewusst auf die Vorgartenfläche beschränkt. Die größere Fläche des Gartens sollte als Nutzgarten zur Selbstversorgung verwendet werden. Es gab einen Platz zum Bleichen, einen Ziegenstall, hochstämmige Obstbäume und Gemüsebeete. Die Hauswände waren mit Spalierobst und blühenden Rankgewächsen begrünt.

Die Architekten

Während der ersten Bauphase von 1898 bis 1906 waren im Gronauerwald insbesondere die Architekten Ludwig Bopp, Peter Will und Oskar Lindemann tätig. Alle drei prägten mit ihren privaten und öffentlichen Bauten maßgeblich das Stadtbild von Bergisch Gladbach. Bopp entstammte der Schule des Münchener Stararchitekten Gabriel von Seidl. Er leitete die Bauausführung bei Haus Lerbach, entwarf u.a. das Gladbacher Rathaus sowie das Kasino gebäude "Bergischer Löwe". Will beteiligte sich an verschiedenen Arbeiterwohnbaupro jekten. Er entwarf 1908 das Progymnasium und 1911 das städtische Hallenbad. Der junge Lindemann galt als Mitarbeiter Bopps und wirkte bei der Rathauserbauung mit. Sein herausragendes Werk ist das repräsentative Bürgerhaus des Hauptmanns Feiber am Kopf der Richard-Zanders-Straße.

Entwicklungsphasen

In den 1920er Jahren entstanden Am Wäldchen, Am Birkenbusch und im Ahornweg Hausgruppen, die sich am Gesamtbild der Straßen- und Platzräume gemäß der Reform architektur der "Stadtbaukunst" ausrichteten. Typisierte Kleinsiedlungshäuser ergänzten den Bestand in den späten 1930er Jahren. Nach dem 2. Weltkrieg begann man in Folge des akuten Wohnraummangels von den ursprünglichen Prinzipien abzurücken und neben den Einfamilien- und Doppelhäusern auch Miethäuser zu errichten.

Fazit

Die oft noch gut erhaltene Substanz der älteren Häuser und die wohldurchdachten Grundstücksgrundrisse wurden in letzter Zeit durch Anbauten und Nachverdichtung zunehmend verändert und verfälscht. Denn ein aktuelles städtebauliches Konzept liegt für diese außergewöhnliche Siedlung noch nicht vor. Die Regionale 2010 in Bergisch Gladbach mit vielen interessanten Ansätzen zur Aufwertung der Stadtqualität entlang der Strundeachse könnte ein Anlass sein, sich konkret auch mit dem lokalen baulichen Erbe der Gartensiedlung Gronauerwald zu beschäftigen, ihre Werte zu sichern sowie ihre städtebauliche und architektonische Entwicklung durch allseits akzeptierte Gestaltungsregeln zu verbessern.

Kontakte

Rheinischer Verein für
Denkmalpflege und Landschaftsschutz
Stephan von Wahl
Tel. Büro: 0221-221 23200

Bergischer Geschichtsverein Rhein-Berg e.V.
Max Morsches
Tel. privat: 02204-52 86 0

Literatur

A. Kaul: "Die Gronauer Waldsiedlung in Bergisch Gladbach" Heimat zwischen Sülz und Dhünn, Heft 14 (2007), S. 36ff Bergischer Geschichtsverein Rhein-Berg e.V.

Bilder von der Vorstellung des Denkmal des Monats 2008

Weitere Infos

Internetseite "Gartensiedlung Gronauer Wald - Bergisch Gladbach"